Berthaplatz 7
2025/2026 | 11 Archivprigmentdrucke | Texte
Die fotografische Arbeit Berthaplatz 7 widmet sich der Margarethensiedlung in Duisburg-Rheinhausen, einem Wohngebiet mit einer engen historischen Verbindung zur Firma Krupp. Die Siedlung wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für Werksangehörige errichtet und prägte über Jahrzehnte das soziale und kulturelle Leben in Rheinhausen.
Im Zentrum der fotografischen Arbeit steht das Porträt von Ingrid Lenders. Das Haus mit der Nummer sieben am Berthaplatz ist seit 1984 ihr Zuhause. Die fotografische Serie eröffnet einen Einblick in den Alltag während der aktiven Krupp-Zeit und versucht deutlich zu machen, wie stark Unternehmen und Wohnumfeld miteinander verflochten waren. Mit dem Rückzug der Firma Krupp hat sich nicht nur die ökonomische Struktur, sondern auch das soziale Gefüge der Margarethensiedlung verändert. Auch diesem Umstand versucht die Arbeit nachzuspüren.
Aktuell ist die Arbeit im Rahmen der Ausstellung “Wir standen auf einer Anhöhe” in der Trichterebene auf Zollverein in Essen zu sehen. Zur Ausstellung gibt es eine Broschur mit den untenstehenden Texten.
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Die Friedrich-Alfred-Hütte in Duisburg-Rheinhausen war um 1910 das größte Hüttenwerk Europas. Die ersten beiden Hochöfen wurden 1897 von Krupp in Betrieb genommen. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Werk um zehn Hochöfen, Stahl- und Walzwerke, eine Kokerei sowie mehrere Nebenbetriebe erweitert. Alles, was die wachsende Industrie brauchte, wurde dort produziert: Halbzeug, Stab- und Profilstahl, Schienen, Schwellen und Walzdraht. Dann: die Stahlkrise. Am 15. August 1993 verließ die letzte Schicht das Werk.
Der Ort erhielt seinen Namen erst 1904, nach dem Tod des Gründers Friedrich Alfred Krupp. Im selben Jahr bezogen die ersten Arbeiter und Angestellten die Häuser in der Margarethensiedlung, die für sie gebaut wurde. Unter der Leitung des Architekten Robert Schmohl entstand eine Kernsiedlung mit unregelmäßig angeordneten Häusern, Nutzgärten und Gemeinschaftseinrichtungen. Die nach Margarethe Krupp, Ehefrau von Friedrich Alfred Krupp und Gründerin des Kruppschen Sozialwerkes, benannte Siedlung wurde in mehreren Bauabschnitten erweitert und zählt etwa 700 Wohneinheiten.
Fachwerk, Putz, Erker, Vorbau: In der Gartenstadt ist zwar alles aus einem Guss, und doch gibt es an jedem Haus andere Details zu entdecken.
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100 Quadratmeter, acht Zimmer: Seit 1974 ist das Haus mit der Nummer sieben am Berthaplatz das Zuhause von Familie Lenders. Das 1922 gebaute und von Architekt Georg Metzendorf geplante „Einfamilienkettenhaus“ war für die einfache Arbeiterschaft gedacht. Vom Fenster aus hatte Ingrid Lenders damals einen direkten Blick auf den Hochofen des Hüttenwerks – und damit auf den Arbeitsplatz ihres Mannes. Günter arbeitete nicht in der Produktion, sondern als Werkstoffprüfer in der Versuchsanstalt von Krupp in Rheinhausen. Die Mutter einer Tochter ist technische Zeichnerin, arbeitete einem Großhandel und an der Fachoberschule für öffentliche Verwaltung in NRW.
Hühnerstall statt Badezimmer
„Die Häuser waren damals recht einfach gehalten. Es gab kein Badezimmer in dem Sinne, sondern eine Toilette mit einem Handwaschbecken, das war‘s. Als wir 1984 einzogen sind, gab es hinten im Anbau, wo heute unser Badezimmer ist, den Hühnerstall. So richtig mit Stroh und Leiter und einem Nestchen obendrauf. Wir haben das Haus von Grund auf umgebaut. Kurz vor dem Einzug habe ich einen Film gesehen, in dem eine Frau ein neues Haus bezogen hat. Sie hat ihre Hände an die Wände gelegt und wollte wissen, ob das Haus zu ihr spricht. Ich hab‘s damals auch versucht. Leider kamen nur alte Tapeten runter. Es hat mir überhaupt nichts gesagt.”
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„Früher haben hier alle mit Kohle geheizt und es kam so viel Qualm aus den Schornsteinen, dass wir zeitweise keine Wäsche aufhängen konnten. Die Ziegel der Dächer waren eigentlich rot. Doch der Rauch hat sie schwarz gemacht. Wenn der Wind günstig stand, zog dieser von den Fabriken hier rüber.
Damals haben nur Kruppianer in der Siedlung gewohnt. Wenn die Häuser verkauft wurden, mussten diese wieder an Kruppianer oder zurück an die Firma veräußert werden. Inzwischen wohnen nur noch wenige Kruppianer hier und die Häuser sind in Privatbesitz. Früher haben wir öfter mit den Nachbar*innen in den Gärten gesessen, gegrillt, Lagerfeuer gemacht und gesungen, das war eine richtige schöne Gemeinschaft. In unserer Ecke gibt es noch ein paar Familien, die mit Krupp verbunden sind, aber das wird jetzt auch weniger. Inzwischen gibt es kein Miteinander mehr. Auch die Gärten haben sich verändert, jeder hat seinen Zaun gezogen, früher war alles Gemeinschaftsfläche.
Für die Zukunft von Rheinhausen wünsche ich mir weniger Leerstände, bessere Freizeitangebote für Jugendliche, mehr verkehrsberuhigte Zonen in den Wohngebieten und mehr Sauberkeit.”
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Das Hüttenwerk Rheinhausen bot Generationen von Familien seit der Inbetriebnahme 1897 sichere Arbeitsplätze. 1987 beschloss die Firma Krupp die Schließung des Werks – ein 160 Tage und Nächte langer Arbeitskampf folgte. Nicht nur die Belegschaft, auch die Fraueninitiative kämpfte für den Erhalt des Werks. Als Frau eines Kruppianers war Ingrid Lenders eine der ersten, die sich der Initiative anschloss.
„Als ich merkte, dass die Hütte ernsthaft bedroht ist, haben wir Angst bekommen. Wir haben drei Jahre zuvor das Haus gekauft und ein Darlehen aufgenommen, um zu renovieren. Das war dann schon beängstigend, da stand das Gespenst der Arbeitslosigkeit im Raum. 1987 war der große Knall, und Aletta Esser hat die Fraueninitiative gegründet. Wir wollten unsere Männer nicht nur zu Hause unterstützen, sondern auch mit auf die Straße gehen. Und das haben wir dann auch reichlich gemacht, das war schon eine heiße Kiste. Wir waren etwa dabei beim großen Walzwerkgottesdienst mit 25.000 Teilnehmenden, beim Fackelzug, haben die Menschen versorgt, die Mahnwache an Tor 1 hielten, machten Plakate und versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. Das Lied ‚Keiner schiebt uns weg‘ war unsere Hymne.”
